Galerie Bärbel Grässlin

Andreas Breunig

Apr 20May 22 2021

Der Eingang ist verengt. Man zwängt sich durch einen schmalen Spalt und ist plötzlich mittendrin im Raum, im Bild. Es gibt kein Hauptwerk, kein offenbarendes oder preisgebendes Zentrum mehr: Die Chronologie ist aufgebrochen. Man steht inmitten von 16 Bildern, sie sind wie ein Index das Vokabular, mit dem Breunig wieder und wieder Kompositionen ohne Komposition schafft. 

Lässt sich malerisch überschreiten, was der Fläche motivisch immer schon fest verflochten und eingeschrieben ist? Das Einzige was hilft, ist vielleicht, alles aufzulösen. Sich selbst und alles um sich herum. Das sind Evokationen, Sehgewohnheiten, Motive. Eine Lichtung: Irritation dessen was bleibt. Striche und Farben, es handelt sich um malerische ›Reste‹.

Denn von den Leinwänden wurde alles verbannt, was zuvor vermeintliches Bild war: Eine Malerei aus Resten sozusagen. Etwas, was da ist, ohne wirklich da zu sein. Etwa die farbigen Drippings, die unwillkürlich zu dem formalen Rahmen werden, den sämtliche Bilder gemeinsam haben. Malerei nach der Malerei. Übriggebliebenes, das dennoch unentwegt Oberfläche generiert.

Ausgestellte Gesten werden in diesem Prozess artifiziell und gerade deshalb analytisch. Was spontan erscheint, ist konstruiert, als konzentrierte Gleichung gesetzt und immer wieder korrigiert neu aufgestellt worden. Malerei wird nun ununterbrochene Reihung und rhythmischer Permutation von Symbolen. Alles was nun da ist ohne da zu sein, tritt plötzlich in den Vordergrund. Wenn der Bildgrund keine Tiefe mehr aufweist, sind es solche Rest- oder Antiformen, die in annähernd endlosen Zusammensetzungen ihr abbildloses Spiel beginnen.

In der völligen Offenheit ihrer malerischen Kaputtheit erscheint eine solche Lichtung als absolute Leerfläche. Im Kreis mit sich, dem Raum und allem sich darin Befindenden, zeigen die Bilder ihre Blöße. Die „Unergründlichkeit“ gewinnt einen besonderen Sinn: Nicht nur negativ kann das Bild nicht eingefangen werden. Auch positiv wird es zum schöpferischen Prinzip, das sich selbst erweitert und jeden vorgegebenen Bestand überschreitet.

Sehen aber wird Takt, unvermittelt kontinuierlich. Als individuelles Ordnungsprinzip wird es formbildend und findet immer neue Einstiege in die vermeintlich verschlossenen Sequenzen und Zeichenketten, sodass Betrachtung plötzlich zu Besinnung, zu Meditation wird. Sich einlassend erblickt und erzeugt man einen Rhythmus, mit dem man sich inmitten aller Unruhe selbst Halt gibt.

 

The entrance is narrowed. You squeeze through a narrow gap and are suddenly in the middle of the room, within the image. No longer is there a main work, no revealing or telling center: the chronology is broken up. One stands amidst 16 images, like an index they are the vocabulary which, over and over again, generates compositions without composition.

Is it possible to transgress in painting what has always been motivally firmly interwoven and inscribed in the surface? Maybe the only thing that helps is to dissolve everything. The self and everything around it. These are evocations, habits of seeing, motifs. A clearing: irritation of what remains. Strokes and colors, they are painterly ›remains‹.

For everything was banished from the canvases that previously made up the supposed image: A painting of leftovers, so to speak. Something that is there without really being there. Take the colored drippings which involuntarily become the formal framework all paintings have in common. Painting after painting. Leftovers which nevertheless incessantly produce surfaces.

In this process, the exposed gestures become artificial and, precisely for that, analytical. What appears spontaneous has been constructed, placed as concentrated and repeatedly corrected equations and posed ever anew. Painting becomes an uninterrupted sequence and rhythmic permutation of symbols. Everything that is there now, without being there, suddenly comes to the fore. When the pictorial ground has no more depth, it is for such residual or anti-forms to begin their imageless interplay in almost endless constellations.

Given the complete openness of its painterly screwedness, such a clearing appears as an absolute blank space. Among with themselves, the space and everything in it, the images bare their nakedness. Their »unfathomability« gains a special meaning: not only negatively can the paintings not be captured, even positively, they abide to a creative principle expanding itself and transcending any prevalent constancy.

Seeing, however, becomes tact, abruptly continuous. As an individual principle of order, it becomes formative and finds ever new entrances into the supposedly illegible sequences and strings of signs, so that contemplation suddenly becomes reflection, meditation. By letting oneself in, one sees and creates a rhythm with which you give yourself hold amidst all restlessness.


Text: Marlene A. Schenk
Translation: Alexander Serner